Vortrag von Erik Höhne bei der DKP-Kreisorganisation Neuss-Dormagen am 28.10.2015

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Liebe Genossinnen und Genossen,

meinen Ausführungen zur aktuellen Debatte in der DKP um den Begriff des Marxismus-Leninismus möchte ich eine einführende Bemerkung voranstellen.

Grundsätzlich gibt es berechtigte Einwände dagegen, zur Kennzeichnung einer bestimmten Lehre oder Theorie den Namen einer Person mit der Nachsilbe des „ismus“ zu verbinden. Zum einen ist es so, dass sich in dem zu benennenden Gedankengebäude in aller Regel nicht nur die Leistung einer einzelnen Person darstellt sind, und zum anderen ist hier auch immer die Gefahr einer dem materialistischen Denken fremden Überhöhung dieser Person gegeben. Marx und Engels bevorzugten selber den Begriff des Sozialismus, den sie zur Präzisierung als „wissenschaftlich“ bezeichneten. Hiermit sollten die Entwicklungsschritte gegenüber dem zeitlich vorangegangenen utopischen Sozialismus ausgedrückt werden. Aus einem Brief von Engels ist überliefert, dass Marx im familiären Kreis die ironische Bemerkung machte: „Eines ist sicher was mich betrifft, ich bin kein Marxist.“1

Des Weiteren gibt es Hinweise darauf, dass die Bezeichnung „Marxist“ zunächst auch keineswegs schmeichelhaft gemeint war und an die so Benannten von außen herangetragen wurde. Während des Konfliktes in der Internationalen Arbeiterassoziation, d. h. in der Ersten Internationalen zwischen den Anhängern von Marx und den des russischen Anarchisten Michael Bakunin titulierten die Parteigänger des letzteren ihre organisationsinternen Gegner als „Marxisten“2.

Ungeachtet dessen hat nach dem Tod von Karl Marx der Begriff des Marxismus Eingang gefunden in den philosophischen und politischen Diskurs, so dass er heute dort nicht mehr wegzudenken ist. Bekanntlich haben sich auch dogmatische und vereinfachende Marx-Interpretationen entwickelt. Ob sich diese dadurch verhindern hätten lassen, dass man sich auf einen anderen Begriff zur Kennzeichnung dieser Gesellschaftslehre geeinigt hätte, ist mehr als fraglich.

Heute ist es jedenfalls so, dass niemand in der internationalen kommunistischen Bewegung es für nötig hält, einen Kampf gegen den Begriff des Marxismus zu führen, weil durch diesen Dogmatismus oder Personenkult befördert werden könnte. Derartige Versuche würden wohl nur verständnisloses Kopfschütteln hervorrufen.

Solche Einigkeit fehlt aber bei der gegenwärtigen Diskussion in der DKP um den Begriff des Marxismus-Leninismus. Das gültige Parteiprogramm von 2006 erklärt hierzu: „ Die DKP gründet ihre Weltanschauung, Politik und ihr Organisationsverständnis auf den wissenschaftlichen Sozialismus, der von Marx, Engels und Lenin begründet wurde und ständig weiterentwickelt werden muss, damit er nicht hinter den Realitäten zurückbleibt. Sie kämpft für die freie Verbreitung des Marxismus-Leninismus.“3

Diese Formulierung stieß zunächst auf keinen Widerstand. Auch die jetzigen parteiinternen Kritiker des Begriffs Marxismus-Leninismus konnten damit offenbar gut leben.

Inzwischen liegt aber der Leitantrag zum 21. Parteitag der DKP vor. In diesem heißt es: „Die DKP steht für die Überwindung des Kapitalismus und den Aufbau des Sozialismus. Als marxistisch-leninistische Partei geht sie vom gesellschaftlichen Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit und der Notwendigkeit der revolutionären Überwindung des Kapitalismus aus. Die Erringung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse und die Vergesellschaftung der wichtigen Produktionsmittel sind die Voraussetzung für den Aufbau des Sozialismus.“4

Offenbar wird ein Unterschied darin gesehen, ob wir eine marxistisch-leninistische Partei sind oder für den Marxismus-Leninismus kämpfen. Es verwundert keineswegs, dass vielen Genossinnen und Genossen sich hier der Eindruck einer müßigen Wortklauberei aufdrängt. Bei näherer Beschäftigung mit dieser Debatte wird allerdings deutlich, dass hinter dem Streit um Worte tiefgreifende Differenzen zu einem ganzen Themenkomplex stehen. Anders gesagt: Es gibt ein Thema hinter dem Thema. Studiert man die im Laufe der Diskussion erfolgten Wortbeiträge, so fällt schnell auf, dass zwar um den Begriff des Marxismus-Leninismus gestritten wird, die Personen Marx und Lenin aber kaum noch eine Rolle spielen. Stattdessen begegnet uns ein anderer alter und höchst umstrittener Bekannter, nämlich Josef W. Stalin. Zur Kritik des Leitantrages sowie einer in diesem Zusammenhang erfolgten Wortmeldung des stellvertretenden Parteivorsitzenden Genosse Hans Peter Brenner führt der Bezirksvorstand der DKP Südbayern Folgendes aus:

„Wir werden der Empfehlung zur Stalinlektüre nicht nachkommen und lehnen die Gleichsetzung Antikommunismus/Antistalinismus ab. Stalin hatte maßgeblichen Anteil daran, dass der humanistische Gehalt des Kommunismus theoretisch und praktisch liquidiert wurde. Daher ist Stalinismus in diesem Sinne Antikommunismus. Marxismus-Leninismus ist das Synonym für die von Stalin verkündeten Lehrsätze. Sie haben auch zu den gesellschaftlichen Erstarrungen und schließlich Verbrechen geführt, über die wir im DKP-Parteiprogramm geschrieben haben. Schaut man sich an, in welchem Zusammenhang der Begriff ML geprägt wurde, wird klar, wie wenig er sich als Identifikationsmerkmal für unsere Partei eignet.“5

Hier wird also nichts weniger konstatiert als eine Identität von Marxismus-Leninismus und Stalinismus. Über Sinn und Berechtigung des Begriffes „Stalinismus“ ist schon anderenorts viel gestritten worden. Unabhängig davon sind nun aber drei Fragen aufgeworfen:

  1. In welchem aktuellen Bezugsrahmen spielt sich die gegenwärtige Debatte ab?
  2. Ist Stalin der tatsächliche Schöpfer des Begriffs „Marxismus-Leninismus“?
  3. Was bedeutet es für die Brauchbarkeit des Terminus, wenn es sich tatsächlich so verhalten sollte?

Hinsichtlich des ersten Aspektes erscheint mit Folgendes bedeutsam:

Der Parteivorsitzende Genosse Patrik Köbele bezieht Stellung gegen die bereits zitierte südbayerische Position: Hier ist die Formulierung, dass wir eine marxistisch-leninistische Partei sind, strittig. Tatsächlich, im heute gültigen Parteiprogramm formulieren wir, „Die DKP gründet ihre Weltanschauung, Politik und ihr Organisationsverständnis auf den wissenschaftlichen Sozialismus, der von Marx, Engels und Lenin begründet wurde und ständig weiterentwickelt werden muss, damit er nicht hinter den Realitäten zurückbleibt. Sie kämpft für die freie Verbreitung des Marxismus-Leninismus.“ Diese Formulierung lässt Spielraum zur Interpretation. (…)Warum schlagen wir dann aber im Verhältnis zum geltenden Parteiprogramm eine Präzisierung vor? Wir wollen die Fehlinterpretationen hinsichtlich unserer weltanschaulichen Grundlagen ausschließen. Nun wird möglicherweise eingewendet, dass der Termini „marxistisch-leninistisch“ ja in der Zeit in der kommunistischen Weltbewegung geprägt wurde, in der Stalin Generalsekretär der KPdSU war. Dies wundert allerdings wenig, denn dies wurde er ja bald nach Lenins Tod. Und Lenin sprach natürlich nicht selbst vom Leninismus, genau so wenig wie Marx vom Marxismus. Auf der anderen Seite ist die Präzisierung, die wir vorschlagen auch ein Zeichen für den Standort der DKP in der internationalen kommunistischen Bewegung. Es gibt Parteien, die bereits in den 70iger und 80iger Jahren des vorigen Jahrhunderts bewusst auf diesen Terminus verzichtet haben, viele davon haben sich zu reformistischen Parteien entwickelt oder aufgelöst. Es gibt aber auch Parteien, die diesen Terminus bis heute benutzen oder sich von neuem dazu bekennen. Da stellen wir uns in keine schlechte Nachbarschaft. Es sind z.B. die Kommunistischen Parteien aus Kuba, Portugal, Griechenland, Irland, Luxemburg, Ungarn, Südafrika, die Brasilianische KP oder die Ungarische Arbeiterpartei.“6

Der Genosse Patrik Köbele legt also Wert darauf, dass die DKP sich auch innerhalb der internationalen kommunistischen Bewegung positioniert zugunsten der Kräfte, die sich einem Einströmen reformistischen Denkens in die eigenen Reihen widersetzten und es heute noch tun. Nun liegt die Frage nahe, ob eine solche Präzisierung unserer Programmatik erforderlich ist. Oder anders gefragt: Werden gegen diese Programmatik Infragestellungen vorgetragen, dass darauf geantwortet werden muss? Der Genosse Uwe Frisch hat ein Papier zur Kritik des Leitantrages des kommenden Parteitages vorgelegt. In diesem setzt er Akzente, welche für die hier gestellte Frage bedeutsam sind. Dazu möchte ich einige Bespiele anführen:

  1. Zur Einschätzung der internationalen Lage benennt der Genosse Uwe Fritsch das „transnationale Kapital“ als Wurzel des Übels. Offenbar geht er nicht von der leninschen Imperialismus-Analyse und somit von der Konkurrenz verschiedener, nach wie vor als Nationalstaaten verfasster Großmächte oder Großmachtblöcke aus, sondern von einem übernationalen kapitalistischen Gesamtsystem, in dessen Rahmen der Nationalstaat als Bezugsrahmen revolutionärer Politik uninteressant wird. Karl Liebknechts antiimperialistische Losung, wonach der Hauptfeind im eigenen Land steht, hätte demnach ausgedient.
  2. Zu einem zukünftigen Sozialismus wird festgestellt, dass dieser keiner „Diktatur“ bedürfte und „demokratisch“ zu sein habe. Der Genosse Uwe Fritsch differenziert nicht zwischen bürgerlicher und sozialistischer Demokratie, sondern behandelt diese Begriffe klassenneutral. Hier wird die Erkenntnis von Marx, dass jeder Staat prinzipiell die Diktatur der jeweils herrschenden Klasse bedeutet ebenso negiert wie die geschichtliche Lehre, wonach ein revolutionärer Staat durchaus bei Strafe seines Untergangs Zwangsmaßnahmen gegen Restaurationsversuche ergreifen muss.
  1. Ein besonderer Bezugspunkt des Genossen Uwe Fritsch sind die sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen. Ihnen legt er deutlich mehr Gewicht bei als z. B. der internationalen Kooperation kommunistischer Parteien. Ebenso unterlässt er es, diese Bewegungen hinsichtlich ihrer sozialen Zusammensetzung, ihre Stabilität und ihrer ideologischen Orientierung zu untersuchen. Dafür warnt er die in diesen Reihen tätigen Kommunistinnen und Kommunisten aber davor, „dominierend“ oder „steuernd“ tätig zu werden. Eine aktive Verbreitung der Lehren von Marx, Engels und Lenin wäre demnach unzulässiges Dominanzverhalten und im Übrigen auch ganz überflüssig, da sich geistige Zugänge zu einer gesellschaftlichen Alternative aus den verschiedensten Richtungen ergeben könnten. Hier zeigt sich das bekannte Bild einer bunten Mosaik-Linken, in deren Rahmen die kommunistische Partei nur noch ein wohlmeinender Begleiter ist, aber ihrer Funktion als Motor zur Verbreitung der revolutionären Weltanschauung im Sinne Lenins entkleidet ist.
  2. Der Genosse Uwe Frisch hält es für angeraten, vor einem „Durchorganisieren“ der Partei zu warnen und mahnt an, in den Mitgliedern keine „Parteisoldaten“ oder „Befehlsempfänger“ zu sehen, die auf Anordnungen der Zentrale warten würden. Berücksichtigt man aber die Tatsache, dass die in den Statuten bestimmte Beschlussverbindlichkeit in der DKP inzwischen immer wieder in Frage gestellt wird, so stellt sich die Frage nach dem Sinn solcher Kritik. Eine in blindem Gehorsam erstarrende Parteibasis ist in der DKP nicht zu beobachten. Vielmehr ist die Position des Genossen Uwe Fritsch an dieser Stelle geeignet, das Organisationsprinzip des demokratischen Zentralismus weiter in Frage zu stellen.7
  3. Die Ausführungen des Genossen Uwe Fritsch enden mit der Feststellung: Das Engagement fußt gerade bei jungen Menschen eher auf der Attraktivität von Projekten und Initiativen als auf der einer Programmatik. Die DKP muss sich diesen Veränderungen stellen und neue Möglichkeiten der Mitarbeit in der DKP entwickeln.“8 Dass die Bereitschaft junger Leute, sich parteipolitisch zu organisieren, deutlich zurückgegangen ist eine zweifellos richtige Feststellung. Hier wird allerdings der Gedanke nahegelegt, dass die Erarbeitung einer klaren, fundierten und verbindlichen Programmatik ein Hemmschuh sei, um diesen neuen Bedingungen erfolgreich zu begegnen. Dass dem nicht so ist, wird deutlich, wenn man sich Parteien anschaut, denen die vom Genosse Uwe Fritsch beklagte ideologische Enge fremd ist und die stattdessen das Bild eines pluralistischen Gemischtwarenladens bieten. Denn auch dort ist nicht zu erkennen, dass es einen besonderen Zustrom neuer junger Mitglieder gäbe. Somit ist kaum anzunehmen, dass wir die Attraktivität der DKP steigern würden, wenn wir Lenins Erkenntnis, wonach es ohne revolutionäre Theorie auch keine revolutionäre Praxis gibt, über Bord werfen würden.

Es zeigt sich also, dass von Teilen der Partei in Fragen wie Imperialismusanalyse, Staatsverständnis, Organisationsprinzipien, Rolle der Partei, Bedeutung von Programmatik und Klassenbezug kommunistischer Politik Positionen vorgetragen werden, angesichts derer gefragt werden kann, wie sie mit einem auf den Lehren von Marx, Engels und Lenin beruhenden Denken in Einklang zu bringen sein sollen. Es wird deutlich, dass hier keine isolierte Debatte um einen Begriff stattfindet, den man nun schön oder weniger schön finden könne. Ist ein einziges Wort geeignet, eine derart heftige Kontroverse hervorzurufen, so kann man davon ausgehen, dass es um wesentlich mehr geht, als um das unmittelbar Sichtbare. Dieser Streit findet statt inmitten einer Auseinandersetzung um die grundsätzliche Ausrichtung der Partei, und als Teil dieser muss er auch bewertet werden. Insoweit geht die Kritik der Genossinnen und Genossen ins Leere, die dazu auffordern, diesen müßigen Streit um ein bloßes Wort zu beenden. Denn dieser Konflikt symbolisiert weitaus tiefergehende Differenzen, wie sie z. B. deutlich werden, wenn man den genannten Leiantrag und die dazu verfasste Entgegnung des Genossen Uwe Fritsch vergleicht. Als sachlich falsch ist der Einwand zu bewerten, man sei doch bisher ohne den Begriff des Marxismus-Leninismus ausgekommen und daher sei nicht einzusehen, ihn nun „einzuführen“. Dabei wird die Tastsache übersehen, dass unsere Partei im gültigen Programm sich in der konkreten Formulierung zwar nicht marxistisch-leninistisch nennt, aber sich dazu bekennt, für die freie Verbreitung des Marxismus-Leninismus zu kämpfen. Wer darin einen grundsätzlichen Unterschied sieht, impliziert, dass die DKP auch für die Verbreitung einer Idee kämpfen könne, mit der sie sich nicht identifiziert. Die Formulierung im Leitantrag, vermittels derer die Partei mit dem fraglichen Begriff unmittelbar charakterisiert wird, stellt dementsprechend keine inhaltliche Verschiebung, sondern lediglich eine Verdeutlichung bzw. Unterstreichung des bereits Gesagten dar. Die Einwände der jetzigen Kritiker hätten also schon bei der Erarbeitung des 2006 verabschiedeten Programms vorgetragen werden müssen.

Was das Verteidigen oder Bekämpfen bestimmter Begriffe angeht, möchte ich an die mit dem Ende der DDR einsetzende Entwicklung der SED, bzw. PDS, bzw. Linkspartei erinnern. Bekanntlich gab es 1989 einen Parteitag der SED, welcher den unwiderruflichen Bruch mit dem „Stalinismus“ auf die Tagesordnung setzte. Nun befand sich Stalin damals schon länger nicht mehr in der Ahnengalerie der SED, und man hätte sich fragen können, ob es damals nicht Wichtigeres gegeben hätte, als einen bereits Toten noch einmal zu erschlagen. Aber es gab auch zu dieser Zeit bereits Mutmaßungen, dass mit dem Kampf gegen Stalin doch letztlich etwas anderes gemeint sein könnte. Diese sollten alsbald bestätigt werden. Vor allem die Brüder Andre und Michael Brie setzten die begonnene Auseinandersetzung bald fort, indem sie einen Bogen von Stalin zu Lenin schlugen und nun auch letzteren auf die Liste der Unpersonen setzten. Der Angriff gegen Stalin war nur die Ouvertüre zur Eliminierung von Lenin gewesen. Übrig blieb ein in Beliebigkeit verwässerter Marx-Bezug. Welche Auswirkungen diese Entwicklung auf die praktische Politik der ehemaligen SED hatten, ist in der DKP gut bekannt und oft auch Gegenstand scharfer Kritik. Dass uns heute in Gestalt der Linkspartei eine neue Variante der Sozialdemokratie ohne Anspruch auf Formulierung einer Systemalternative gegenübertritt, ist Ergebnis einer Entwicklung, die im Zeichen des Kampfes gegen den „Stalinismus“ begann. Die Verschiebung auf der Ebene des Begriffs bereitet nicht selten auch das Einknicken in der Praxis vor.

Ist es nun aber historisch richtig, Stalin als den Urheber des Begriffs „Marxismus-Leninismus“ anzugeben? Geht man dieser Frage nach, so stößt man auf eine Fülle von Informationen, die teilweise schwer miteinander in Einklang zu bringen sind und kaum eine eindeutige Antwort gestatten. Nach Lenins Tod war in der UdSSR bald vom „Leninismus“ die Rede, wobei das Wort sowohl als einzelner Begriff verwendet wurde, als auch in der Verknüpfung des „Marxismus-Leninismus“. An der Verbreitung und Popularisierung dieser Bezeichnung hatte Stalin zweifellos großen Anteil, was vor allem seine theoretische Arbeit belegt. Allerdings finden sich keine Hinweise darauf, dass hier von einem Urheberrecht Stalins gesprochen werden könnte. Der inzwischen verstorbene kommunistische Historiker Ulrich Huar war bereits dieser Frage nachgegangen und kam zu folgendem Ergebnis: „Wer den Begriff „Leninismus“, später „Marxismus-Leninismus“ als „erster“ geprägt hat, ist bis heute noch nicht eindeutig zu beantworten, nebenbei auch nicht so wichtig. Wer hat den Begriff „Marxismus“ geprägt? Marx bestimmt nicht. Den Begriff „Leninismus“ haben auch Trotzki, Bucharin, Sinowjew, Kamenew u.a. verwendet, nicht nur Stalin“.9

Der Genosse Robert Steigerwald schreibt zu diesem Thema in seinem Artikel „Probleme einer revolutionären Partei in nicht-revolutionärer Zeit“10:In Moskau, noch zu Lebzeiten Stalins, beging man das Sakrileg, statt vom Marxismus-Leninismus nur vom Marxismus zu sprechen. (…) Die Formulierung Marxismus-Leninismus wurde 1923 durch Bucharin eingeführt; Stalin sprach zu dieser Zeit vom Leninismus und definierte ihn als den Marxismus des 20. Jahrhunderts, als den Marxismus der Periode der proletarischen Revolution und des Aufbaus des Sozialismus.“

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch eine Äußerung von Leo Trotzki kurz nach dem Tod Lenins. In der von mir gefundenen Quelle ist das Zitat in englischer Sprache wiedergegeben. Dort heißt es: “Lenin is no more, but Leninism endures. Our party is Leninism in practice, our party is the collective leader of the workers. In each of us lives a small part of Lenin, which is the best part of each of us. How shall we continue? With the lamp of Leninism in our hands.”11

Übersetzen lassen sich Trotzkis Worte folgendermaßen: „Lenin ist nicht mehr, aber der Leninismus lebt fort. Unsere Partei ist Leninismus in der Praxis, unsere Partei ist der kollektive Führer der Arbeiter. In jedem von uns lebt ein kleiner Teil von Lenin, welcher der beste Teil von uns ist. Wie sollen wir weitergehen? Mit dem Licht des Leninismus in unseren Händen.“

Das Zitat von Trotzki ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Stalins namhaftester innerparteilicher Opponent bemüht hier den Begriff des „Leninismus“ – wenn auch nicht in direkter Verknüpfung mit dem des „Marxismus“ – zu einem Zeitpunkt, als Stalin noch nicht die Position innehatte, die ihm einige Jahre später zukommen sollte. Kurz nach Lenins Tod verfügte Stalin nicht über die Macht, für die gesamte Partei eine verbindliche Sprachregelung vorzuschreiben. Es kann also davon ausgegangen werden, dass Trotzki seine Worte unabhängig von derartigem Zwang wählte. Dass in seinem Zitat die andere Hälfte des diskutierten Begriffs, nämlich der „Marxismus“ fehlt, sollte nicht überbewertet werden. Es ist schwer vorstellbar, dass Trotzki an einer derartigen Erweiterung Anstoß genommen hätte, denn schließlich war es in der sowjetischen Partei über alle Fraktionsgrenzen hinweg Konsens, dass das Werk Lenins, mochte es noch so bedeutend sein, natürlich auf den Schultern von Karl Marx und Friedrich Engels ruhte.

Zum anderen zeichnet sich das Trotzki-Zitat aber auch durch einen fast weihevollen Stil aus, den man, wenn man denn wollte, auch als Ausdruck oder zumindest Anflug von Personenkult werten könnte. Dass ein Verstorbener in den Hinterbliebenen weiterlebt und in ihnen deren edelsten Teil verkörpert – dies ist ein Gedanke mit schon fast religiöser Prägung. Nun ist man es aber in der Regel gewohnt, auch die Erscheinung des Personenkultes als besonderes Merkmal der entwickelten Stalin-Ära zu betrachten. Aber das Trotzki-Zitat zeigt, dass die besondere Hervorhebung einer einzelnen Person auch schon vorher durchaus gängig war, und dies, ohne dass sich dagegen nennenswerter Protest erhoben hätte. Offenbar hat man es hier mit einem langlebigen kulturellen Phänomen zu tun. Wie in anderen europäischen Staaten auch, so war auch die Gesellschaft in Russland seit vielen Jahrhunderten vor allem religiös geprägt.

Auch Revolutionäre, die antreten, diese alte Ordnung umzuwälzen, bedienen sich sehr oft zunächst der kulturellen Ausdrucksformen, die sie als gegeben vorfinden, und dies aus dem einfachen Grunde, dass andere Formen sich noch nicht entwickelt bzw. durchgesetzt haben. Somit geht man wohl in die Irre, wenn man das Phänomen des Personenkultes Stalin exklusiv anlastet. Nebenbei bemerkt ist es fraglich, ob er in diesem Zusammenhang die treibende Kraft war. Schließlich stammte eine Anzahl besonders unappetitlicher Lobhudeleien von Leuten wie N. S. Chruschtschow, die sich später ebenso exzessiv in der Distanzierung Stalin gegenüber gebärdeten. Personenkult muss eben nicht notwendig nur unter positivem Vorzeichen betrieben werden.

Wir sehen also, dass es kaum möglich ist festzustellen, ob eine bestimmte Person zu einem bestimmten Datum den Begriff des „Marxismus-Leninismus“ oder auch nur des „Leninismus“ in die Sprachregelung kommunistischer Parteien eingeführt hat. Festzustellen ist aber, dass diese Begrifflichkeiten unter der Führung Stalins und auch durch seine besondere Mitwirkung weite Verbreitung fanden. Hier sind vor allem die Vorlesungen Stalins an der Swerdlow-Universität zu nennen, die 1924 unter dem Titel „Über die Grundlagen des Leninismus“ veröffentlicht worden. Wollen wir diese und andere Beiträge Stalins zur Entwicklung kommunistischer Begrifflichkeiten bewerten, so muss zuvor eine Entscheidung getroffen werden. Wir können uns entschließen, aufgrund bestimmter Exzesse gerade in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts Stalin in Gänze aus der Geschichte des Kommunismus zu exkommunizieren. Das eingangs zitierte Verdikt des Bezirksvorstandes der DKP Südbayern, wonach „Stalinismus“ „Antikommunismus“ ist, bewegt sich in dieser Richtung. Damit befinden wir uns aber auf der Ebene abstrakten Moralisierens, welches den konkreten Bedingungen der damaligen Zeit keine Beachtung mehr zu schenken braucht. Oder anders gesagt: Der positive Personenkult wird verkehrt in sein negatives Gegenteil – und bleibt dabei doch Personenkult. Eine Beschäftigung mit Stalins theoretischen Arbeiten braucht dann nicht mehr stattzufinden, mehr noch: Sie wäre strikt abzulehnen.

Eine andere Möglichkeit hat der verstorbene Philosoph und Mitautor unseres gegenwärtigen Parteiprogramms Genosse Prof. Dr. Hans Heinz Holz unter der Devise „Erklären, nicht verharmlosen!“ aufgezeigt. Er plädiert für eine historisch-kritische Würdigung Stalins und seiner Zeit, in deren Rahmen Leistungen, Fehlentscheidungen und Verbrechen gleichermaßen Beachtung finden. Hier geht es um Fragen wie z. B.: Unter welchen Bedingungen mussten damals Entscheidungen getroffen werden? Welche realistischen Alternativen hätte es gegeben? Was waren vermeidbare Fehler? Können negative Entwicklungen nur einer oder wenigen Personen angelastet werden? Was waren bleibende Leistungen der damaligen Zeit?

Unter diesen Prämissen gibt es keinen Grund, Stalins theoretische Ausführungen zum Leninismus einfach zu negieren nur weil sie aus der Feder einer Unperson stammen würden. Sinnvoll erscheint es vielmehr, sie unvoreingenommen auf ihren Gehalt zu überprüfen.

Nun ist es so, dass gegen Stalins theoretisches Werk immer wieder der Vorwurf erhoben wird, einer Verflachung, Dogmatisierung und Vulgarisierung des Marxismus Vorschub geleistet zu haben. Hier ist der Hinweis angebracht, dass Stalin selbst nicht den Anspruch auf theoretische Leistungen erhoben hat, die ihn in den Rang eines Klassikers erhoben hätten. Im Zuge einer Unterredung mit den deutschen Schriftsteller Emil Ludwig am 13.09.1931 erklärte er: „Was mich betrifft, so bin ich nur ein Schüler Lenins, und das Ziel meines Lebens ist es, ein würdiger Schüler Lenins zu sein.“12

Aufschlussreich sind auch seine einleitenden Sätze zu den Leninismus-Vorlesungen an der Swerdlow-Universität. Dort heißt es: „Die Grundlagen des Leninismus sind ein großes Thema. Um es zu erschöpfen, wäre ein ganzes Buch notwendig. Mehr noch, es wäre eine ganze Reihe von Büchern notwendig. Es ist deshalb natürlich, dass meine Vorlesungen keine erschöpfende Darstellung des Leninismus sein können. Sie können im besten Fall nur ein gedrängter Konspekt der Grundlagen des Leninismus sein.“13

Man sieht also, dass Stalin sich dem, was man ihm vorwirft, nämlich der Vereinfachung, freimütig bekennt. Der Genosse Hans Heinz Holz sieht hierin keine Schande, sondern eher ein Verdienst. Er führt aus: „Mit allem Nachdruck möchte ich der von Gerns und Steigerwald vertretenen Auffassung von der Deformation der Theorie durch Stalin entgegentreten. (…) Stalin hat sich (…) vor allem an die breiten Massen gewandt, die durch Bildungsarbeit überhaupt erstmals erfasst wurden. Er hat mit einer bewundernswerten didaktischen Fähigkeit die schwierigen Fragen einer dialektischen Philosophie und Gesellschaftstheorie in einer auch für wissenschaftlich ganz unerfahrene Leser verständlichen Form dargestellt. Dass dabei vergröbernde Vereinfachungen vorgenommen werden mussten, ist jedem klar, der mit Lehrbüchern gearbeitet oder gar solche verfasst hat.“14

Wer die Leninismus-Vorlesungen studiert, ist geneigt, dieser Bewertung durch den Genossen Holz zuzustimmen. Stalins Stil hat nichts Kunstvolles an sich, aber zeichnet sich durch Prägnanz und Schnörkellosigkeit aus. Die Gedankenführung ist klar und nachvollziehbar. Betrachten wir z. B. die bekannte Definition des Leninismus: „Der Leninismus ist der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Genauer: Der Leninismus ist die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution im allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats im besonderen. Marx und Engels wirkten in der vorrevolutionären Periode (wir meinen vor der proletarischen Revolution), als es noch kleinen entwickelten Imperialismus gab, in der Periode der Vorbereitung der Proletarier zur Revolution, in jener Periode, als die proletarische Revolution praktisch noch keine unmittelbare Notwendigkeit war. Lenin dagegen, der Schüler von Marx und Engels, wirkte in der Periode des entwickelten Imperialismus, in der Periode der sich entfaltenden proletarischen Revolution, als die proletarische Revolution bereits in einem Land gesiegt, die bürgerliche Demokratie zerschlagen und die Ära der proletarischen Demokratie, die Ära der Sowjets eröffnet hatte. Deshalb ist der Leninismus die Weiterentwicklung des Marxismus.“15

Diese Definition ist, wie Stalin selbst ja schon eingangs einräumte, keineswegs erschöpfend und spart nicht weiteres Studium. Dennoch gibt sie die wesentlichen Grundzüge des behandelten Gegenstandes korrekt wieder.

Ein davon getrenntes Thema wäre die Praxis politischer Machtausübung unter Stalin. Die dort aufgetretenen Verletzungen sozialistischer Gesetzlichkeit verlangen eigene Untersuchungen. Allerdings kann keine Rede davon sein, dass Stalin diese Auswüchse auf theoretischem Gebiet vorbereitet oder entsprechende Rechtfertigungen geliefert hätte. Ganz im Gegenteil: In seiner 1926 erschienenen Arbeit „Zu den Fragen des Leninismus“ plädiert Stalin für das Primat geduldiger Überzeugungsarbeit der Partei gegenüber den Werktätigen.16

Dies führt den Genossen Holz zu der Schlussfolgerung: „Man muss sich diese klaren Aussagen Stalins vor Augen halten, um zu sehen, dass man zum mindesten in der Theorie Stalin für den Verfall der Leninschen Prinzipien nicht verantwortlich machen kann. Terror und Bürokratie als Deformationserscheinungen des Sozialismus in der Sowjetunion bedürfen anderer Erklärungen.“17

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass der Begriff des Marxismus-Leninismus sich treffend eignet zur Beschreibung des theoretischen Fundaments einer kommunistischen Partei unserer Tage. Der Umstand, dass Stalin an der Erarbeitung und Verbreitung dieses Terminus mitgewirkt hat, spricht nicht gegen seine Verwendung, da er hier das von Marx, Engels und Lenin gelegte Fundament nicht verlassen oder verletzt wurde. Theoretische Fehler Stalins an dieser Stelle müssten benannt werden.

Im Übrigen drückt sich im Begriff des Marxismus-Leninismus der untrennbare Zusammenhang eines geistigen Entwicklungsprozesses besser aus als in der bloß aufzählenden Nennung der drei Klassiker-Namen.

Zum 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus erklärte der Genosse Fidel Castro: Die 27 Millionen Sowjetbürger, die im Großen Vaterländischen Krieg gestorben sind, taten dies auch für die Menschheit und für das Recht zu denken und Sozialist zu sein, Marxist-Leninist zu sein, Kommunist zu sein und die Vorgeschichte zu verlassen.“

Wir deutschen Kommunistinnen und Kommunisten haben keinen Grund zur Scheu, uns diesen Worten anzuschließen.

Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit.

Erik Höhn

1 vgl. MEW, Band 35, S. 388

3 Programm der Deutschen Kommunistischen Partei, Herausgeber: DKP-Parteivorstand, 2006, S. 46

4 http://news.dkp.suhail.uberspace.de/wp-content/uploads/2015/08/Leitantrag_Antrag21PT.pdf, 08.10.2015

5 http://www.kommunisten.de/index.php?option=com_content&view=article&id=5458:dkp-suedbayern-qwir-werden-an-dieser-rueckkehr-nicht-teilnehmenq&catid=117:dkp-forum&Itemid=292, 08.10.2015

6 http://news.dkp.suhail.uberspace.de/2015/02/dkp-patrik-koebeles-referat-auf-der-theoretischen-konferenz-in-hannover-im-wortlaut/, 08.10.2015

7 vgl. http://www.kommunisten.de/attachments/5286_positionen_Leitantrag_21PT_UF.pdf, 08.10.2015

8 ebd.

9 http://www.red-channel.de/huar_stalin_partei1.htm, 21.10.2015

10 http://www.dkp-online.de/progdeb/uz/33211501.pdf, 21.10.2015

11 https://www.marxists.org/archive/trotsky/1924/01/lenin.htm, 22.10.2015

12 Stalin Werke, Band 13, S. 94, Dietz Verlag, Berlin, 1955

13 Stalin Werke, Band 6, S. 62, Dietz Verlag, Berlin, 1955

14 Hans Heinz Holz, Erklären, nicht verharmlosen, Junge Welt Nr. 61, 14.03.2011, S. 11

15 Stalin Werke, Band 6, S. 63 f., Dietz Verlag, Berlin, 1955

16 vgl. Stalin Werke Band 8, S. 45, Dietz-Verlag, Berlin, 1955

17 Hans Heinz Holz, Stalin als Theoretiker des Leninismus, Streitbarer Materialismus Nr. 22, Mai 1998, S. 36