Ansprache zum 70. Jahrestag der Ermordung Hermann Düllgens

Am 27. Oktober 1944 wurde der Neuser Kommunist Hermann Düllgen von den Nazis ermordet. Am 26. Oktober 2014, also am Vorabend des 70. Jahrestages seiner Ermordung, fand eine kurze Gedenkveranstaltung im Innenhof des Neusser Rathauses statt. Wir dokumentieren an dieser Stelle die bei dieser Gedenkfeier gehaltene Rede des Genossen Vincent Cziesla.

 

Ansprache des Neusser Stadtverordneten Vincent Cziesla bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Ermordung Hermann Düllgens.

 

Die Hoffnung jedoch, den ganzen Schlamassel glücklich zu überleben, läßt mich heute meine gefährliche Arbeit verrichten. Ich bin nämlich freiwillig zu einem Kommando gegangen, welches tagtäglich den Tod hütet. Es ist ein Kommando, welches die von den Engländern abgeworfenen Blindgänger beseitigt. Diese Tätigkeit hat ihre Tücken. Die Art und Form dieser Blindgänger ist so, daß man beim Ausgraben nie weiß, ob und wann das Ding hochgeht. Bist jetzt hatten wir zehn Tote und ebensoviele Schwerverletzte. Nur das Glück ist der einzige Sicherheitsfaktor bei dieser Arbeit. Mit diesem Glück rechne ich eben und hoffe Euch recht bald lebend und gesund im friedlichen, neuen Deutschland begrüßen zu können.“

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

diese Worte stammen aus einem Brief von Hermann Düllgen, den er während seiner Haftzeit im Lager Kalkum verfasste. Er hatte sich dort freiwillig für die Arbeit in einem Bombenräumkommando gemeldet und nutzte die Arbeitszeit außerhalb des Lagers, um Kontakt zu Antifaschisten aus der Region aufzunehmen.

Er hatte ein klares Ziel vor Augen: ein neues, friedliches, sozialistisches Deutschland. Er kämpfte mit Wortgewalt und Flugblättern für einen revolutionären Sturz des Nazi-Regimes; versuchte die illegale Organisation der KPD auszubauen und warb überall um Mitstreiter für den Kampf gegen den Faschismus.

Er wusste, dass dieser Kampf nur im Bündnis zu gewinnen war. Vor seiner zweiten Verhaftung versuchte er, Unterstützer in den Vereinen und Betrieben zu gewinnen. Vertrauensleute, die die Wahrheit über die neuen Herrscher und ihre Taten, aber auch über das Wirken des Widerstandes verbreiten sollten. Dazu war es notwendig, auch außerhalb der eigenen Strukturen zu arbeiten. Die einzige Möglichkeit den Widerstand in die Gesellschaft zu tragen, war auf diese zuzugehen. Dazu brauchte es Vertrauen und Mut – Hermann Düllgen hatte beides.

Doch er war nicht nur jemand, der anderen Vertrauen schenkte – er war auch einer, dem man vertrauen konnte. Nicht einen Kampf- und Gesinnungsgenossen verriet er in der Haft und unter der Folter. Er nahm alle vorgeworfenen Taten auf sich allein und ging dafür in den Tod.

Heute gedenken wir Hermann Düllgens, ehren seine Entschlossenheit und Standfestigkeit, seinen Mut und seinen unermüdlichen Einsatz für das friedliche, neue Deutschland.

Wir wissen, dass sich seine größte Hoffnung nur teilweise erfüllen sollte. Die Befreiung von der Nazi-Diktatur war nicht das Werk der Deutschen; sie war nicht das Ergebnis eines revolutionären Aufstandes. Die Befreier kamen von außerhalb; aus Ländern die vom Deutschen Reich und seinen Verbündeten überfallen worden waren und in denen die faschistischen Truppen grausame Verbrechen verübt hatten. Ihren Leistungen und ihrem Opfer gebührt ebenso unser größter Respekt und Dank, wie den Taten aller Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer.

Das goldene „Buch der Erinnerung“ hier, erzählt einige Geschichten von Neusser WiderstandskämpferInnen. Ich empfehle jedem, hier für einen kurzen Moment zu verweilen und die Lebensläufe dieser mutigen Menschen auf sich wirken zu lassen.

Sie werden feststellen, dass es Männer und Frauen waren, die aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen kamen. Die Neusser Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer kamen aus den Reihen der SPD, der KPD, der SAP, der freien Gewerkschaften, der katholischen und evangelischen Kirche sowie der Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher. Obwohl sie sich häufig untereinander gar nicht kannten, in unterschiedlichen Strukturen kämpften und verschiedene Strategien verfolgten; kämpften sie doch alle gemeinsam – gegen den selben Feind, gegen die Naziherrschaft.

Ihr gemeinsamer Kampf ist uns Lehre und Ansporn zugleich. Ein Ansporn zur Wachsamkeit gegen alte und neue Nazis, gegen Rassismus, Antisemitismus und Homophobie – gegen die Herabwürdigung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Behinderungen.

Er ist eine Lehre darüber, dass eine erfolgreiche antifaschistische Arbeit nach Bündnissen und Zusammenhalt verlangt. Es ist ein Kampf der gemeinsame Anstrengungen erfordert und uns dazu zwingt, trotz unserer verschiedenen Ansichten und Weltanschauungen, an einem gemeinsamen Strang zu ziehen, um das gemeinsame Ziel zu erreichen: Um zu verhindern, was damals geschah.

Der Antifaschismus ist der notwendige gesellschaftliche Grundkonsens für jedes neue, jedes friedliche und demokratische Deutschland. Hermann Düllgen wusste das, seine Mitstreiterinnen auch. Und man sollte meinen, dass es mit dem Wissen um die Gräuel der faschistischen Herrschaft ein allgemein anerkanntes Prinzip wäre, ein Satz den man heute nicht hätte erwähnen müssen. Und doch ist es noch immer notwendig.

Das liegt zum einen an dem wieder wachsenden Einfluss rechter Kräfte in Europa und auch in Deutschland. Der spürbare Rechtsruck bei den letzten EU-Wahlen und die durchschlagenden Erfolge von rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien bei den Kommunalwahlen z.B. in NRW legen Zeugnis dafür ab. Es ist weiterhin kein Geheimnis, dass es auch in der sog. „Mitte der Gesellschaft“ von Rechtsaußen-Positionen wimmelt. Auch die dominante und von westlichen Kräften akzeptierte Stellung von Faschisten in der ukrainischen Regierung und in den Schlüsselpositionen des ukrainischen Staats- und Sicherheitsapparates, darf hierbei nicht unerwähnt bleiben. Die heutigen Parlamentswahlen dort, lassen ein weiteres Abdriften nach rechts erwarten.

Zum anderen wird der antifaschistische Grundkonsens auch von sogenannten „Extremismusexperten“, wie der Politologin und Verfassungsschützerin Bettina Blank, sabotiert. In ihrem Buch „Deutschland einig Antifa?“ schreibt die Autorin:

„Die Gefahr einer ,Machtergreifung‘ wie 1933 besteht nicht, wohl aber eine andere, wesentlich subtilere: eine ,Machtergreifung über die Köpfe‘, das heißt eine in diesem Fall von Linksextremisten ausgehende, gezielt betriebene Einflussnahme auf das öffentliche Bewusstsein, eine allmähliche Umwandlung des politischen Klimas und der politischen Kultur in Deutschland mit dem Ziel der Systemüberwindung.“

Dreh- und Angelpunkt ihrer Argumentation ist die Rede vom „instrumentalisierten Antifaschismus“ und die damit verbundene angeblich übertriebene „Skandalisierung“ des NSU-Komplexes. Das ist sogar der bürgerlichen FAZ zuviel und in ihrer Rezension bezeichnet sie Blanks Ansichten überraschend klar als „kruden Antikommunismus.“ Doch wer die öffentliche Diskussion verfolgt, der weiß, dass Blanks Ansichten keine Einzelmeinung darstellen. Die völlig irregeleitete Annahme, dass es so etwas wie eine Bandbreite von extremistischen Strömungen gebe, die zwar manchmal links und manchmal rechts, im Grunde aber immer gleich seien, ist ebenso weit verbreitet, wie die Überzeugung, dass diese Annahme irgendwie wissenschaftlich bewiesen wäre.

In was für einer Gesellschaft leben wir?

Rechte Gewalt hat in diesem Land allein seit 1990 ca. 200 Todesopfer gefordert. Ein rechtes Terrornetzwerk, dessen Ausmaße wir noch immer nicht kennen, konnte jahrelang Mordtaten begehen – ob verdeckt oder gedeckt, ist weiterhin unklar. Rechte Parteien drohen in einigen Ländern Europas die Macht zu übernehmen. Wer kann sich angesichts dieser bedrohlichen Verhältnisse eine solche „Extremismusdoktrin“ leisten? Wer ist so geschichtsvergessen, dass er die Widerstandshandlungen antifaschistischer Demonstranten gegen Naziaufmärsche, als Vergehen bewertet und die Demonstrationen selbst als Ausdruck der Meinungsfreiheit? Wer könnte sich hier hinstellen, vor dieses goldene Buch, vor die Namen der Neusser Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer und über die Gleichheit der Extreme und die Gefahren durch den angeblich um sich greifenden, gesellschaftsbedrohenden Antifaschismus phantasieren?

Derartige Absurditäten und Maskeraden nutzen nur den nazistischen Totschlägern und Mördern, den Rechtsterroristen, den offen faschistischen und den rechtspopulistischen Parteien. Sie spalten den Widerstand und öffnen den Weg in die Barbarei.

Wir haben unterschiedliche Grundsätze; verschiedene Meinungen. Streiten wir darüber, suchen wir die politische Auseinandersetzung, werben wir für unsere Ansichten – aber halten wir zusammen, wenn es darauf ankommt den Faschismus zu bekämpfen.

Das letzte Wort möchte ich nun gerne Hermann Düllgen überlassen. Es handelt sich um einen Auszug aus seinem letzten Brief an die Verwandtschaft, den Hermann Düllgen am 9. September 1944 verfasste:

„Wenn ich mein Leben betrachte so ist es ein Mosaikbild bunter, bitterer und heiterer Erinnerungsbilder. Eines der freudigsten ist, trotz aller überstandenen Gefahren beim Bombentöten, das vorige Jahr. Ich fasse es in einen einzigen Namen: Frieda! Dieser kleine liebe Mensch hat mich noch einmal von Herzen glücklich gemacht. Ich weiß, daß Sie dasselbe von mir sagt. Beide freuten wir uns darauf, die kommenden Jahre gemeinsam und soweit es in Menschenkräften steht glücklich zu verbringen. Jetzt aber ist es Friedas Los allein und einsam weiter zu pilgern. Das ich ungewollt auch Ihr noch Leid bereite wird hoffentlich Ihre Erinnerung an mich nicht trüben. […] Grüßt Sie recht herzlich von mir.“