Für geschichtswissenschaftliches Selbstbewusstsein…..

Für geschichtswissenschaftliches Selbstbewusstsein!

Gegen opportunistische Kniefälle!

Am 23.08.2011 erschien im Rahmen des Internetportals www.kommunisten.de der Artikel des Autors „hth“ unter dem Titel „…Stalin, der Verräter bist du!“. In dem Artikel wurde eine bestimmte Sichtweise auf den vor 72 Jahren im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges zwischen der UdSSR und dem Deutschen Reich geschlossenen Nichtangriffspakt zum besten gegeben, die im folgernden kurz zusammengefasst werden soll:

Der Vertrag zwischen der Sowjetunion und Hitlerdeutschland war ein die kommunistische Weltbewegung bis heute belastender Schandvertrag, der zurecht im Begriff „Hitler-Stalin-Pakt“ personalisiert wird, da am Zustandekommen desselben nur ein exklusiv kleiner Personenkreis beteiligt war. Die Strategien der beiden beteiligten Staatsführungen hatten hier zueinandergefunden. Ausgangspunkt der Entstehung des Vertragswerkes waren deutsche Interessen an einem Wirtschaftsabkommen mit der UdSSR um das Jahr 1939 herum, um so die eigene Versorgungslage bezüglich dringend benötigter und kriegswichtiger Rohstoffen zu verbessern, worauf sich Stalin allzu gern einließ. Indem er dies tat, missachtete er nicht nur die Beschlüsse der VII Weltkongresses der Komintern, wonach die UdSSR und die Komintern Kurs zu nehmen hatten auf breite antifaschistische, internationale Volksfronten auch unter Einschluss bürgerlicher Demokraten bzw. Demokratien. Die Bereitschaft Großbritanniens und Frankreich zur Bildung eines Antihitlerblocks blieb sowjetischerseits in sträflicher Weise ungenutzt. Stalin wurde so zum Komplizen der Zerschlagung Polens durch die Naziwehrmacht, was die in der Überschrift des Artikels verkündete Einschätzung Stalins als Verräter an den Richtlinien kommunistischer Außenpolitik und des Antifaschismus rechtfertigt.

Soweit „hth“. Er zeichnet das Bild zweier Politbanditen (Hitler und Stalin), welche sich zwecks Teilung einer Beute (Polen) als Brüder im Geiste in die Arme fallen. In schmählicher Weise alleingelassen werden dabei die westeuropäischen Leuchttürme der Demokratie Großbritannien und Frankreich. Dieses Bild ist nicht neu. Es entspricht der Lehrmeinung im Geschichtsunterricht unserer Schulen und auch dem, was die etablierten Medien uns in altbekanntem antikommunistischem Geist im Dienst der herrschenden Klasse an „Vergangenheitsbewältigung“ vorsetzen. Der sogenannte „Hitler-Stalin-Pakt“ dient unseren „Totalitarismustheoretikern“ bis heute dazu, ihre verquaste Formel „Rot gleich Braun“ unters Volk zu werfen, was „hth“ auch beklagt. Es fragt sich nur, ob man diesen Angriffen wirksam entgegentritt, indem man, was „hth“ gleichfalls tut, sich die „Argumente“ der Angreifer letztlich zu eigen macht. Auf Knien ist schwer Widerstand leisten. Und gerade deshalb lohnt es sich, die Darstellungsweise von „hth“ unter Zuhilfenahme der Ergebnisse von Historikern und der Sichtweisen von Zeitzeugen abzuklopfen. Es ist keineswegs geboten, hier nur auf kommunistisch orientierte Personen zurückzugreifen.

Ist es wirklich so, dass sich Stalin ohne Not auf den Vertrag mit Hitler einließ? Oder war es nicht doch eher so, dass Stalin zuvor hatte einsehen müssen, dass die Westmächte kein echtes Interesses an einer antifaschistischen Koalition hatten und statt dessen eher auf die Entladung des deutschen Expansionsdranges mit antibolschewistischer Stoßrichtung nach Osten hofften, bzw. diese sogar stimulierten? Wer hat hier wen im Stich gelassen? War die UdSSR unter solchen Voraussetzungen nicht gezwungen, vermittels der Vertrages Zeit zur Vorbereitung auf den ohnehin erwarteten Krieg mit Deutschland zu gewinnen?

Isaac Deutscher ist einer der wichtigsten Stalinbiografen. Ebenso ist er auch als Gegner dessen, was man in bürgerlichen Kreisen „Stalinismus“ nennt, bekannt. Die Lektüre der von ihm verfassten Biografie verrät wenig Zuneigung des Autors zu dem sowjetischen Staatsmann. Um so bemerkenswerter erscheint, was Deutscher zu der Vorgeschichte des Vertrages zu sagen hat. Diese setzt er in ihrem Beginn wesentlich früher an als „hth“. Bereits Mitte der Dreißigerjahre bemüht sich Stalin um eine Antihitlerkoalition: „Aber, wie immer dem gewesen sein mag, man hat doch den gerechtfertigten Eindruck, dass Stalin in den Jahren 1935 bis 1937 und auch noch später ernsthaft und ehrlich eine Koalition gegen Hitler auf die Beine bringen wollte.“1Sein ganzes Bemühen richtete sich jetzt darauf, die Westmächte zu überzeugen, dass sie feste Verpflichtungen eingehen müssen oder sie zumindest in eine Lage hineinzumanövrieren, in der sie solchen Verpflichtungen nicht aus dem Wege gehen konnten. Aber hier erwartete ihn eine Enttäuschung nach der anderen. Der russisch-französische Beistandspakt blieb ein Stück Papier. (…) Frankreich und England rührten zu allen Provokationen Hitlers nicht einmal den kleinen Finger.“2 Dieser Einschätzung Deutschers ist zuzustimmen, denkt man an das passive, Hitler ermutigende Verhalten der französischen Regierung beim Einmarsch der Wehrmacht ins entmilitarisierte Rheinland. Wo war der von „hth“ unterstellte Kampfeswille der Westmächte? Dieses Schauspiel war kaum geeignet, im Realpolitiker Stalin die Vorstellung zu wecken, es hier mit potentiellen Bundesgenossen zu tun zu haben. Deutscher resümiert: „Die französische Regierung kümmerte sich nicht um die Interessen ihres russischen Verbündeten, fragte auch nicht danach, ob sie das russische Ehr- und Selbstgefühl verletzte, behandelte statt dessen Hitler – ihren künftigen Feind – beinahe wie einen Verbündeten und ihren nominellen Verbündeten Russland beinahe wie einen Feind.“3

Der im Vorfeld des Münchener Abkommens durch Deutschland bedrohten Tschechoslowakei stellten die Sowjets militärische Hilfe für den Fall eines Angriffs in Aussicht, ohne das die Westmächte dazu zu bewegen gewesen wären, sich diesem Angebot in glaubwürdiger Weise anzuschließen.4 Statt dessen wurde die CSR durch sie im Zuge des Münchener Abkommens in schäbiger Weise den Nazis geopfert. Dieser von „hth“ auffallend unterbelichtete Umstand hat indessen nicht dazu geführt, das auch hier ein vergleichbares Geschrei über einen „Schandvertrag“ erhoben worden wäre. Erschwerend wirkte sich auch die Haltung der polnischen und rumänische Regierungen aus, welche es ablehnten, der Roten Armee für einen Hilfseinsatz zugunsten der CSR den Durchmarsch zu gestatten. Deutscher hebt hervor, dass es hier nicht nur um die gern bemühte „Russenfurcht“ ging, sondern nicht zuletzt um die profaschistischen Sympathien der genannten Regierungen.5 Aber auch nach München war es Stalins erste Option, doch noch zu einer gegen Hitlerdeutschland gerichteten Einigung mit Großbritannien und Frankreich zu kommen.6 Die französische und britische Regierung beantworteten die sowjetischen Bemühungen mit albernen Kapriolen, als sie z. B. diplomatisch unterbesetzte Delegationen mit demonstrativer Verspätung nach Moskau entsandten, wo sich dann die mitgeführten Vollmachten als unzureichend erwiesen.7

Was blieb der Sowjetunion vor diesem Hintergrund anderes übrig, als einzusehen, dass sich an der sowjetfeindlichen Außenpolitik der Westmächte seit den Zwanzigerjahren nichts Grundsätzliches geändert hatte? Stalin erkannte richtig die in Paris und London gehegten Hoffnungen auf ein Losschlagen Hitlers nach Osten. In der verbleibenden Zeit noch ein Maximum an zeitlichem und strategischem Vorteil zu realisieren – das was es, worum es in Moskau jetzt nur noch gehen konnte.

Der marxistische Historiker Kurt Gossweiler hebt hervor, dass auch von faschistischer Seite die Bemühungen Stalins um eine Übereinkommen mit den Westmächten bemerkt wurden: „Das Vertrauen in die Politik der Sowjetunion wurde dadurch bestärkt, dass wir ja hatten verfolgen können – auch die Nazipresse hatte auf ihre Art darüber berichtet – wie die Sowjetunion, bevor sie den Nichtangriffsvertrag mit Hitlerdeutschland schloss, bemüht war, mit den Westmächten zum Abschluss eines Bündnisvertrages gegen einen möglichen Aggressor, also gegen Nazideutschland zu kommen.“8

Im weiteren zitiert Gossweiler die Einschätzung von Valentin Bereskov, der als sowjetischer Diplomat und Dolmetscher an den damaligen Verhandlungen von Ribbentrop und Molotow teilnahm: „Die Franzosen hatten schon 1938 einen Nichtangriffspakt mit Deutschland, 1938 nach München jubelten nicht nur die Franzosen, sondern auch die Engländer, als Chamberlain nach London zurückkam und sagte, er habe den Frieden für Generationen mitgebracht durch die Vereinbarung mit Hitler. (…) Ich denke, dass es keine Alternative zum Abschluss des Nichtangriffsvertrages gab.“9 Der bekannte russische Diplomat Valentin Falin, der über den Verdacht besonderer Stalinsympathien erhaben sein dürfte, hat diese Position Bereskovs ausdrücklich gestützt.10

Auch westliche Politiker und Diplomaten lassen hier wenig Dissens erkennen:

So meinte der damalige US-Innenminister H. Ickes: „Großbritannien hätte längst eine Vereinbarung mit der Sowjetunion erzielen können, es wiegte sich aber in der Hoffnung, Russland und Deutschland gegeneinander aufzubringen und auf diese Weise mit heiler Haut davonzukommen.“11

Der US-Botschafter in Paris William Bullit kam zu der Einschätzung: „Es würde der Wunsch der demokratischen Staaten sein, dass es dort im Osten zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem deutschen Reich und Russland komme.“12

In ähnlicher Richtung bewegt sich auch die Wertung des damaligen Moskauer US-Gesandten Joseph E. Davies: „Die Sowjetunion habe fleißig und tatkräftig versucht, eine kraftvolle gemeinsame Front gegen die Angreifer zu bilden und aufrichtig die Lehre von der Unteilbarkeit des Friedens vertreten.“13

Chamberlains Politik, eine Einigung mit der UdSSR auf antifaschistischer Grundlage zu hintertreiben, wurde auch in Großbritannien attackiert. Bemerkenswerterweise tat sich hierbei besonders der als Kommunistenhasser par excellence bekannte Winston Churchill hervor. Dieser verfügte durchaus über die in seinen Kreisen übliche reaktionär motivierte Menschenverachtung, aber ebenso über einen gesunden Realitätssinn, was sich nicht von allen seinen Kollegen sagen lies. Churchill verstand, das die Briten es im Falle von Hitler nicht mit einem gut dressierten Bluthund zu tun hatten, den man nach eigenem Gusto auf ausgewählte Opfer hetzen konnte. Vielmehr war zu erwarten, dass der aufstrebende deutsche Faschismus über kurz oder lang mit den Weltmachtsansprüchen des Empire kollidieren musste. Für Chamberlains durch die Münchner Luft beflügelten Friedensillusionen hatte Churchill dementsprechend wenig übrig. „Churchill erklärte unumwunden, dass die britische und französische Regierung die Verantwortung tragen, dass es 1939 nicht zu einem Militärbündnis zwischen Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion gekommen ist. Mitverantwortlich waren auch die Regierungen Polens und Rumäniens, die keine Durchmarscherlaubnis im Falle einer deutschen Aggression für die sowjetischen Truppen gaben.“14

Besonders einzugehen ist auf die Frage der sogenannten „Polnischen Teilung“. Es ist eine Tatsache, dass sich die UdSSR und Hitlerdeutschland darauf einigten, dass das polnische Staatsgebilde aufzuhören habe zu existieren. Gossweiler stellt hier fest, was wohl unbestritten sein dürfte, nämlich die völkerrechtliche Unhaltbarkeit einer derartigen Vereinbarung zweier Staaten bezüglich des Schicksals eines Dritten.15 Dies ist aber noch nicht die ganze Wahrheit. Auch wenn man nicht in völkerrechtlichen Nihilismus verfallen will, muss man anerkennen, dass die nach dem September 1939 den vormaligen Staat Polen durchtrennende deutsch-sowjetische Demarkationslinie auch eine deutliche Westwärtsverlegung der Verteidigungsstellungen der Roten Armee im Fall eines deutschen Angriffs bedeutete. Churchill hierzu: „Dass die russischen Armeen auf dieser Linie stehen, ist für die Sicherheit Russlands gegen die deutsche Gefahr absolut notwendig.“16

Der Verlauf der Linie ist auch historisch interessant. Durch die „Westverschiebung“ wurden nämlich Gebiete an den sowjetischen Herrschaftsbereich angeschlossen, die man im eigentlichen Sinne gar nicht als „polnisch“ bezeichnen konnte, handelte es sich doch um vormalige Teile Weißrusslands und der Ukraine, welche sich Polen im Vertrag von Riga 1921 unter Ausnutzung der damaligen desolaten Verfassung Russlands angeeignet hatte.17

Die völkerrechtliche Problematik wurde bereits benannt, aber auch derartige Problematiken müssen unter Einschluss ihre Vorgeschichte bewertet werden. Wird diese hier angemessen gewürdigt, könnte im Anschluss lang darüber gestritten werden, ob der Begriff „Polnische Teilung“ wirklich dem Gesamtbild entsprechend ist. Es ist nur allzu verständlich, dass in im überwiegenden Teil der (west)deutschen Literatur der Vertrag von Riga keinerlei Erwähnung findet. Dies würde auch nicht zum Bild der sich spontan und quasi voraussetzungslos umarmenden Diktatoren passen.

Da der Artikel von „hth“ auf www.kommunisten.de, d. h. auf einer Internetseite der Deutschen Kommunistischen Partei erschien, sei noch einmal in Erinnerung gerufen, wie der Nichtangriffsvertrag bisher in den Reihen unserer Partei gewertet wurde. Die Genossen Judick und Steinhaus führten dazu aus: „Angesichts der Tatsache, dass sich die Westmächte beharrlich weigerten, der Gefahr einer faschistischen Aggression mit einem System der kollektiven Sicherheit zu begegnen, gab es im August 1939 zu dem Vertrag mit Deutschland faktisch keine Alternative. Der eigentliche Fehler Stalins lag darin, dass er Hitler eine solche Dummheit, wie es die mutwillige Inszenierung eines Zweifrontenkrieges war, nicht zutraute.“18 Ob die im letzten Satz getroffen Einschätzung zu Stalins angeblichem Fehler, nicht mit einem deutschen Angriff gerechnet zu haben, zutreffend ist, könnte noch diskutiert werden. Immerhin hatte Stalin am 05.05. 1941 vor Offiziersanwärtern der Roten Armee erklärt: „Die Situation ist äußerst ernst. Mit einem deutschen Angriff in naher Zukunft muss man rechnen. Die Rote Armee ist noch nicht stark genug, die Deutschen ohne weiteres schlagen zu können. Die Sowjetregierung will mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, den bewaffneten Konflikt mit Deutschland bis zum Herbst hinauszuzögern. Dieser Versuch kann gelingen, kann aber auch fehlschlagen.“19 Was spricht aus diesen Worten anderes als nüchterner Realitätssinn? Dass die Vorhersage des exakten Angriffszeitpunkts unter den Bedingungen feindlicher Geheimdienst- und Desinformationsaktivitäten eine besondere Schwierigkeit darstellen musste, versteht sich von selbst.

Erik Höhne

(veröffentlicht in gekürzter Fassung im Rotfuchs Nr. 167, Dez. 2011)

1 Isaac Deutscher, Stalin. Eine politische Biografie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1989, S. 538

2 ebd. S. 538/ 539

3 ebd. S. S. 546

4 vgl. ebd. S. 546

5 vgl. ebd. S. 547/ 548

6 vgl. ebd. S. 555/ 556

7 vgl. ebd. S. 556

8 Kurt Gossweiler, Wider den Revisionismus, Verlag zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung, S. 168

9 ebd. S. 171

10 vgl. ebd. S. 180

11 ebd. S. 178/ 179

12 ebd. S. 179

13 Ulrich Huar, Stalins Beiträge zur sowjetischen Militärwissenschaft und –politik, Ernst Thälmann Verlag, 2006, S. 78

14 ebd. S. 77

15vgl. Kurt Gossweiler, Wider den Revisionismus, Verlag zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung, S. 183

16 ebd. S. 182

17 vgl. ebd. S. 182

18 Günter Judick, Kurt Steinhaus, Stalin bewältigen, Edition Marxistische Blätter, 1989, S. 37

19 Neues Deutschland, 08./ 09. 06.1996, W. Wünsche, Fakten wider Behauptungen