Kein Personenkult um Stalin – weder positiv noch negativ

Der italienische Philosoph Domenico Losurdo hat seine neue Arbeit veröffentlicht unter dem Titel „Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende“. Die Plausibilität dieses Unternehmens ergibt sich aus der Tatsache, dass der „Stalinismus“ bis heute Allzweckwaffe sämtlicher Antikommunisten ist. Diese Waffe wird in dem Maße stumpf werden, in dem es den Kommunisten gelingt, sich ein eigenständiges, als Popanz nicht zu gebrauchendes Stalinbild zu erarbeiten. Kritische Betrachtung der eigenen Geschichte ist hier oberstes Gebot, nicht jedoch, sich das vom Gegner genähte Büßerhemd freiwillig umzulegen.

Losurdo beschäftigt sich mit den Wandlungen des Bildes Stalins durch verschiedene Zeiten hindurch. Bekannt ist die kultische Verehrung, die Stalin zu seinen späteren Lebzeiten zukam, ebenso wie das Verdammungsurteil N. S. Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU, das im weiteren Verlauf weitgehend maßgebend werden sollte. Losurdo tut das längst nötige und verwirft diese Bilder allesamt.

Wenn man davon ausgeht, dass Stalin in seinem Leben vor zwei großen Aufgaben stand, nämlich dem Herausführen Russlands aus der ökonomisch-kulturellen Unterentwicklung und der Niederschlagung der Aggression Hitlers, so kann man sagen, dass er diese Aufgaben unter schwierigsten Bedingungen erfüllt hat, was auch westliche, antikommunistische Staatsmänner anerkannten.

Wie erklärt sich jedoch die große Zahl an Opfern, die diese Entwicklung forderte? Losurdo erweitert hier den Begriff des „Russischen Bürgerkrieges“ und sieht ihn dreigeteilt: Der erste Bürgerkrieg spielte sich ab unmittelbar nach der Revolution zwischen der Roten Armee und den Weißgardisten bzw. den ihnen zur Seite stehenden Interventionstruppen. Der zweite Bürgerkrieg bestand in den Konflikten im Zuge der Landwirtschaftskollektivierung. Der dritte Bürgerkrieg vollzog sich in Gestalt der parteiinternen Auseinandersetzungen, welche in den Moskauer Prozessen gipfelten.

Für diesen so verlustreichen Weg führt Losurdo verschiedene Gründen an. Zu nennen wäre ein nahezu vollständiges Fehlen demokratischer oder rechtsstaatlicher Traditionen, gepaart mit einer seit den Tagen des Roten Oktober gegebenen imperialistischen Bedrohung, die ihre Ergänzung fand in konterrevolutionären Bestrebungen im eigenen Land. Als besondere Hypothek sollte sich der unter den Kommunisten verbreitete, irreale Erlösungsglaube an ein im Gefolge der Revolution zu erwartendes, baldiges Absterben von Staat, Markt, Geld, Religion und Nation erweisen. Enttäuschungen waren hier ebenso vorprogrammiert wie das Beschimpfen der Realisten als „Verräter an den Idealen“. Nebenbei bewertet Losurdo die schon von Marx und Engels geweckten diesbezüglichen Hoffnungen kritisch als anarchistische Anklänge, die heute zu überdenken seien, was wohl Stoff für eine andere interessante Diskussion bieten könnte.

In den Reihen der KP bildete sich ein unheilbarer Riss zwischen denen, die ein Interesse an der Konsolidierung des Erreichten hatten und den utopischen Maximalisten. Aus deren illusorischer Perspektive heraus verachtete auch Trotzki Stalins Konzept „Sozialismus in einem Land“ und favorisierte die weltrevolutionäre Perspektive, der aber im Zuge der Erholung des westeuropäischen Kapitalismus die Basis zunehmend abhanden kam. Stalin erschien hier als Verkörperung des Realitätsprinzips, welches ihn zu der Erkenntnis führte, dass die angesichts des zu erwartenden Angriffs aus dem Westen unabdingbare, zügige Industrialisierung auf gesicherte Versorgung mit Agrargütern angewiesen sei, was zur Lösung der Klassenfrage auf dem Lande, d.h. zur Kollektivierung drängte. Für die Sowjetunion ging es um nichts weniger als um ihr Überleben. Die damit sich entwickelnde Praxis der Machtausübung qualifiziert Losurdo in weiten Teilen als terroristisch, verweist aber auch auf den Trotzki-freundlichen russischen Historiker Rogowin, der feststellte, dass die Moskauer Prozesse kein sinnloses Abschlachten wehrloser Opponenten gewesen sei, sondern der finale Gegenschlag in einem von beiden Seiten mit aller Härte geführten Kampf.

Den westlichen Großmächten, vor allem Großbritannien und den USA, spricht Losurdo überzeugend das Recht ab, sich Stalin gegenüber zum Richter aufzuschwingen. Er verweist auf die lange Kette kolonialistischer Verbrechen ebenso wie auf die inneren Verhältnisse dieser Staaten, die von Ausbeutung, Rassismus und grausamen Strafvollzugspraktiken gekennzeichnet gewesen seien.

Die von Losurdo angewandte Methode der Komparatistik, d. h. der vergleichenden Gegenüberstellung von UdSSR und angloamerikanischem Raum, wird sicher Widerspruch wecken und ist in gewisser Hinsicht auch eine Einladung zum Missverständnis in der Art, dass die Opfer des sowjetischen Straflagersystems mit Hinweis z. B. auf die mörderische Herrschaft der Briten über Indien aufrechnend gerechtfertigt werden sollten. Dies ist aber nicht die Intention des Autors. Vielmehr geht es darum zu verdeutlichen, wie hohl das Stalin gegenüber an den Tag gelegte Demokratie- und Menschenrechtspathos von Staatsmännern wie Churchill war, der seinerseits den Völkern der britischen Kolonien in abstoßender Herrenmenschenpose gegenübertrat und auch die entsprechenden Taten folgen ließ. Im Gegensatz dazu inspirierte die Sowjetunion durch ihr Beispiel den Freiheitskampf der unter dem Kolonialjoch leidenden Völker.

Es erscheint vor diesem Hintergrund auch keineswegs als Zufall, dass Churchill zunächst recht warme Worte für den Faschismus, bzw. Mussolini und Hitler fand. Letzterer ist aber gerade deswegen Losurdo zufolge nicht mit Stalin zu vergleichen, da das Dritte Reich eine von vorn herein imperialistisch-aggressive Ausrichtung aufgewiesen habe und dies ohne die Last eines Entwicklungsrückstandes, welcher mit dem russischen vergleichbar gewesen wäre. Demgegenüber ordnet der Autor die sowjetische Staatspolitik als eine im Prinzip defensiv orientierte „Entwicklungsdiktatur“ zur Verwirklichung sozialen Fortschritts ein.

Der Genosse Losurdo hat ein mutiges Werk vorgelegt, das als Beitrag zu einer Geschichtsbetrachtung zu würdigen ist, in deren Rahmen die historische Person im Kontext ihrer Zeit verstanden wird, anstatt sie vor den Richtstuhl abstrakter Moral zu zerren. Der italienische Philosoph folgt hier dem Gedanken des verstorbenen, ihm durch gemeinsame Arbeit verbundenen Genossen H. H. Holz, wonach Stalin nur begriffen werden kann als die Verkörperung der Widersprüche seiner Zeit.