Thomas Müntzer: Glaube als Weckruf statt als Opium

Thomas Müntzer: Glaube als Weckruf statt als Opium

Wenn von der protestantischen Reformation und den Bauernkriegen im Deutschland des 16. Jahrhunderts die Rede ist, wird das damalige Geschehen meist reduziert auf die Konfrontation Luthers mit der päpstlichen Amtskirche. Luthers Auftreten gegen kirchliche Missstände wie Korruption, Ablasshandel, Pfründenwirtschaft und Gesinnungsterror weckt heute noch Bewunderung, ebenso wie sein Verdienst der deutschen Bibelübersetzung.

Erstmals war den Gläubigen somit Gelegenheit gegeben zu überprüfen, inwieweit der priesterliche Sermon von der Kanzel überhaupt mit dem Wirken Jesu in Einklang stand.

Das Ergebnis der Überprüfung lies nicht lange auf sich warten, doch die von Kirche und Adel bis aufs Blut ausgebeuteten Bauern, Handwerker und Tagelöhner gingen über Luthers Reformideen hinaus. Sie wollten nicht nur in ihrem Glauben frei sein, sondern auch frei von materieller Not. Hier nun schlug die Stunde eines anderen großen Theologen, dessen Bedeutung heute in der Geschichtsbetrachtung gern heruntergespielt wird.

Thomas Müntzer hatte ebenso wie Luther die katholische Lehre angeprangert als ein Machtstreben bemäntelndes Possenspiel. In der Frühzeit seines Wirkens kann man Müntzer als Parteigänger Luthers verstehen. Doch bald sollten sich die Wege trennen. Luther sprach von Freiheit im Sinne einer Glaubens- und Gewissenfreiheit Rom gegenüber. Das Feudalsystem stellte er nie in Frage, wenn er auch die Fürsten vorerst zu gütigem Regieren den Untertanen gegenüber ermahnte.

Müntzer leitete aus der Bibel jedoch ein revolutionäres Programm sozialer Gleichheit ab. Auch er hatte zunächst noch auf ein Einlenken der Fürsten hin zu sozialem Ausgleich gehofft. Aber diese Hoffnung wurde so enttäuscht, wie auch das Bitten der Bauern, die Herren mögen doch ein Einsehen haben und ihnen ihr Los gnädigst erleichtern. Den Unterdrückten und Geknechteten blieb nur noch der Griff zu den Waffen. Müntzer war kein Freund des Blutvergießens, aber er wollte sich der Erkenntnis nicht verschließen, dass die Zeit des demütigen Flehens um eine gütige Obrigkeit vorbei war, denn: „Dabei machen die Herren das selber, dass ihnen der arme Mann feind wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun, wie kann es auf die Dauer gut werden? Wenn ich das sage, muss ich aufrührerisch sein, wohlan!“ Vom beginnenden Aufstand erwartete Müntzer, „dass die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk“. Dabei war er sich des Umstandes bewusst, dass sich nur Menschen selbst regieren können, die aus dem Zustande der Unmündigkeit herausgetreten sind: „Deshalb muss der gemeine Mann selber gelehrt werden, damit er nicht länger verführt wird.“ Die Parallele zu Immanuel Kants Aufklärungspostulat (Aufklärung als Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit) ist unübersehbar.

In einer Bemerkung Müntzers über die Ziele des um ihn vereinigten Allstedter Bundes deutet er seine Vorstellung einer kommunistischen Eigentumsordnung an: „Ist ihr Artikel gewesen und haben’s auf die Wege richten wollen: Omnia sunt communia, und sollten einem jeden nach seiner Notdurft ausgeteilt werden nach Gelegenheit.“ Dies untermauerte er mit Hinweisen auf die Gütergemeinschaft der frühchristlichen Gemeinden im alten Rom.

Nachdenkenswert sind auch Müntzers Anregungen zu einem toleranten Austausch mit Judentum und Islam im Sinne eines vielfältigen Weges zu Gott.

Im Geiste dieses Programm stellte sich Müntzer an die Spitze der thüringischen Bauernaufstandes, während Luther sich in einen wahren Blutrausch hineinschrieb, als er den Fürsten das Himmelreich in Aussicht stellte, wenn sie die Bauern nur totschlügen „wie tolle Hunde“. Der Adel lies sich nicht lange bitten. Katholische und protestantische Fürsten richteten in bemerkenswerter Einigkeit ein beispielloses Blutbad unter den schlecht bewaffneten und organisatorisch zersplitterten Bauern an. Müntzer führte die Bauern in der Schlacht zu Frankenhausen. Er gehörte nicht zu den vergleichsweise Glücklichen, die in der Schlacht fielen, sondern wurde gefangengenommen und nach bestialischen Folterungen hingerichtet.

Friedrich Engels hat in seiner Arbeit über den deutschen Bauernkrieg Müntzer in kraftvollen Worten gewürdigt. Ob aber seine Einschätzung des Revolutionärs als eines quasi „halben Atheisten“ zutreffend ist, erscheint fraglich. Müntzers Schriften zeigen eine beachtliche theologische Tiefe. Engels hat Recht, dass er der menschlichen Vernunft hohe Bedeutung einräumt. Andererseits entwirft Müntzer das Bild eines Menschen, der durch das Leben in seinen geistigen Grundlagen zutiefst erschüttert wird und dann in der Folge einer qualvollen Leere zum Glauben an Gott kommt. Dieses Bild erinnert einerseits an die dialektischen Kategorien von These, Antithese und Synthese, trägt aber auch mystische Züge. Diese sollten aber nicht mit heutiger Mode-Esoterik auf eine Stufe gestellt werden, da dieser Müntzers großartiger revolutionärer Impuls des Eingreifens in der Welt gänzlich abgeht.

In der DDR erfuhr Müntzers Wirken Anerkennung. Sein Geburtsort Stolberg sowie der Ort seines Todes Mühlhausen bekamen den Beinamen „Thomas-Müntzer-Stadt“. Nach der auch „Wende“ genannten Konterrevolution sorgten die neuen Herren dafür, dass diese Beinamen verschwanden. Mochten sie auch noch sehr Demokratie und Christentum im Munde führen, so hatten sie wohl doch ein Gespür dafür, dass der Christ Müntzer niemals einer der Ihren geworden wäre.

Auch die protestantische Kirche unserer Tage zeigt wenig Neigung, Müntzers Erbe dem Vergessen zu entreißen, lebt sie doch ebenso wie ihr katholischer Gegenpart mit der kapitalistischen Ordnung in Frieden. Ihre Kumpanei mit Kaiserreich und Nazidiktatur ist unvergessen. Und heute unterstützt sie Kriegseinsätze durch „Militärseelsorge“, während die Arbeitsbedingungen in ihren Einrichtungen (Lohndrückerei, Leiharbeit, Ein-Euro-Jobs) das Bild der „Ausbeutung mit christlichem Antlitz“ zeigen.

Dennoch gab es immer wieder katholische und protestantische Christen, die das Evangelium in Müntzers Sinn sozial oder revolutionär wirksam machen wollten. Man denke nur an die – von ihrer Amtskirche ausgegrenzten – südamerikanische Befreiungstheologen.

Aber auch in Deutschland sei jeder ehrliche Christ aufgerufen, an der erneuten Hebung des wertvollen Schatzes von Müntzers Erbe teilzuhaben. Christen in diesem Geiste werden wir Kommunisten in den Reihen des Kampfes gegen Ausbeutung, Rassismus und Krieg herzlich willkommen heißen.

Erik Höhne

Veröffentlicht im Rotfuchs Nr. 174, Juli 2012