Zur Klassenbasis des Faschismus – Seminar in der Karl-Liebknecht-Schule vom 23. bis zum 24. September 2012

Spätestens seit Bekanntwerden der durch staatliche Stellen gedeckten Mordserie der neofaschistischen Terrorgruppe NSU, ist das Thema („Neo“-)Faschismus wieder in aller Munde. Tatsächliche oder vermeintliche Gegenstrategien werden dabei nicht nur von linken, dem Antifaschismus seit jeher verpflichteten Organisationen und Personen diskutiert, sondern auch aus der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ heraus, in deren Kreisen man sich gewöhnlich einiges darauf zugute hält, mit Faschismus, Rassismus und dergleichen nichts zu tun zu haben. Von hier aus richtet sich üblicherweise ein hochmütiger Blick herab auf „Unterschichtler“ und „Bildungsferne“, die angeblich in ihrer geistigen Dürftigkeit bzw. Verführbarkeit die Basis für den braunen Ungeist bilden.

Um solchen Erklärungsmustern, die selbst eher demagogischen Charakter haben, als dass sie dem Kampf gegen Demagogie dienlich wären, argumentativ sicher entgegentreten zu können, ist es notwendig, sich gestützt auf begriffliche Klarheit mit Wurzeln und Entwicklung des Faschismus zu befassen. Zu diesem Zweck hatten sich am 23./ 24.09.2012 in der zentralen Bildungsstätte der DKP, der Karl-Liebknecht-Schule in Leverkusen, 12 Genossinnen und Genossen unter der Leitung des Genossen Jürgen Lloyd, im Rahmen eines Wochenendseminares zusammengefunden.

Der Art und Weise, wie man den Faschismus als politisches, ökonomisches und historisches Phänomen einschätzt, kommt eine über die Grenzen dieses Themas hinausreichende Bedeutung zu. Der bürgerliche US-amerikanische Historiker H. A. Turner (1932-2008) sagte dazu:

„Entspricht die weitverbreitete Ansicht, dass der Faschismus ein Produkt des Kapitalismus ist, den Tatsachen, dann ist dieses System kaum zu verteidigen.“² Turner hat sich in der Folge bemüht, zu belegen, dass dieser behauptete Zusammenhang nicht besteht. Bekanntlich ist dagegen im Rahmen der marxistischen Faschismusforschung die Definition G. Dimitroffs maßgebend, wonach es sich beim Faschismus an der Macht um die „offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ handelt. Allerdings wies Dimitroff auch darauf hin, dass es sich beim Machtantritt der faschistischen Partei nicht um einen unvermittelten Handstreich handelt, sondern dass es bereits zuvor, unter bürgerlich-parlamentarischem Regime, Schritte zum Abbau demokratischer Rechte und zunehmende Repression gegen die Kräfte des sozialen Fortschritts gibt. Hier lässt sich eine alarmierende Parallele zu gegenwärtigen Entwicklungen in Deutschland, aber mehr noch in Italien, Spanien und Griechenland erkennen.

Das Seminar orientierte sich vor allem an den Thesen des bekannten marxistischen Publizisten und Faschismusforschers Reinhard Opitz (1934-1986), dessen Worten zufolge „Faschismusdeutung“ auch immer Bestandteil von „Imperialismusdeutung“ ist. Man muss also zurückgehen zur Analyse des Imperialismus, wie Lenin sie in seinem 1916 verfassten Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ geliefert hat. Hier wurden fünf wesentliche Merkmale des Kapitalismus in seiner imperialistischen Phase herausgearbeitet:

  • Herausbildung der Monopole statt der freien Konkurrenz
  • Verschmelzung von Bank- und Industriekapital
  • wachsende Bedeutung des Kapitalexports gegenüber dem Warenexport
  • Aufteilung des Weltmarktes unter den Monopolen
  • Aufteilung der Welt in Kolonien und Interessensphären unter den Großmächten

Sowohl Lenins Begriff des Imperialismus wie auch Dimitroffs Faschismusdefinition sind zu keinem Zeitpunkt so gemeint gewesen, dass es über die behandelten Themen nun weiter nichts mehr zu sagen gäbe, da ja nun zwei gut handhabbare Formeln zur Verfügung stünden. Wäre dem so, dann hätte der Marxist Opitz wohl kaum solch enorme Forschungsbemühungen in dieser Richtung aufgewandt.

Schon während des Ersten Weltkrieges setzte in den Reihen der imperialistischen Eliten Deutschlands ein Umdenken ein. Es war ja bereits vorher klar gewesen, dass es sich beim Projekt „Weltmacht“ um ein Anliegen der Besitzenden handelte und nicht um ein solches der Arbeiterklasse oder der Kleinbauern, denen die Rolle des Kanonenfutters auf den Schlachtfeldern der notwendig zu führenden Kriege zugedacht war. Gleichzeitig wurde aber deutlich, dass ein Krieg kaum zu gewinnen ist, wenn der Soldat an der Front und der Arbeiter (später auch die Arbeiterin!) in den Rüstungsbetrieben durch bloßen Zwang zur Erfüllung ihrer Aufgaben gepresst werden müssen. Ein Krieg wird nicht zuletzt an der „Heimatfront“ entschieden (und möglicherweise verloren, wie z. B. die USA bei ihrem „Engagement“ in Vietnam erfahren mussten). Das geistige Bindemittel hierfür erblickte man in patriotischer Begeisterung. Kämpft der Arbeiter in Uniform schon für die Herren von Bank und Fabrik und damit zwangsläufig gegen seine eigenen Interessen, so muss genau dieser Umstand vor seinem geistigen Auge vernebelt werden. Es ging also um nichts weniger, als um die Schaffung einer Basis unter den Massen für eine gegen die Massen gerichtete Politik. Somit schlug die Geburtsstunde der „Volksgemeinschaft“. Die Tatsache, dass die Geschichte eine Geschichte der Klassenkämpfe ist, erklärte man zu einem dem deutschen Wesen fremden, dafür jedoch von Juden verbreiteten Hirngespinst. Kapitalist und Arbeiter sollten fortan als Brüder dargestellt werden, verbunden durch das gemeinsame germanische Blut. Um die Arbeiter in dieser Richtung zu ködern, befleißigte man sich sogar einer ausgesprochen „sozialistischen“ Rhetorik, verbunden mit scharfen Anklagen gegen vom Kapitalismus verursachte soziale Übel, wobei sich, bei heutiger Betrachtung, Parallelen zur Programmatik von NPD bzw. Autonomen Nationalisten geradezu aufdrängen.

Zum Ende des Krieges gab es Versuche, diesen Bestrebungen dienliche Organisationen zu schaffen, wie z.B. die Deutsche Vaterlandspartei. Dieser haftete jedoch noch zu sehr der Geruch der elitären Honoratiorenvereinigung an. Es bedurfte noch mehr „proletarischer“ Kosmetik. Das letztlich erfolgreiche Projekt dieser Art wurde bekanntlich die bald in NSDAP umbenannte DAP – eine „Arbeiterpartei“, die für den „Sozialismus“ kämpfte unter einer Fahne, die das Parteiemblem vor rotem Hintergrund zeigte und deren Vorsitzender trotzdem, bei entsprechenden Zusammenkünften, dem deutschen Großkapital die Verwirklichung seiner Träume in Aussicht stellte: Revision der Ergebnisse des verlorenen Ersten Weltkrieges, Zerschlagung von Gewerkschaften, SPD und KPD und letztlich Beseitigung des parlamentarischen Systems. Es ist wohl zu eindimensional, die Ablösung der Weimarer Demokratie durch den Hitlerfaschismus nur als Ergebnis einer „Krise“ zu sehen. Vielmehr war sie auch Ausdruck einer Konsolidierung: Das deutsche Kapital sah sich nun erholt und gestärkt genug, um einen erneuten großen Waffengang zu wagen, mit dem Ziel, Deutschland zur ersten Großmacht auf dem europäischen Kontinent zu machen. Unter Weimarer Bedingungen, welche auch die Präsenz von Gegenkräften in Parlament und Fabrik einschlossen, erschien diese Linie nicht umsetzbar.

Es wäre ein Kurzschluss zu behaupten, dass Kapitalismus zwangsläufig zum Faschismus führt. Stellt sich für die Monopolisten aber die Frage, ob man von einmal gefassten expansiven Großmachtplänen oder vom parlamentarischen System Abschied nehmen soll, so werden sie sich für die Opferung des letzteren entscheiden – die Schwäche und Zersplitterung der Gegner vorausgesetzt.

Es ist also klar , dass die Gründung der NSDAP nicht „autonom“ erfolgte, sondern im Interesse der imperialistischen Eliten, wie ja auch die massive finanzielle und organisatorische Unterstützung der NSDAP aus Unternehmerkreisen belegt.

Später gab es Versuche, den deutschen Faschismus aus diesem Zusammenhang herauszulösen mit der Begründung, dass gerade die Vernichtung der europäischen Juden in der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges mit den Interessen des Kapitals in keinerlei Zusammenhang gestanden hätten. Vielmehr sei die Umsetzung des Holocausts an diesem Punkt geradezu kontraproduktiv gewesen, da er Kapazitäten gebunden hätte, die zur erfolgreichen Kriegsführung viel eher benötigt worden wären. Hier wird das Beispiel der Bahntransporte bemüht: Die nach Auschwitz und zu den anderen Vernichtungslagern rollenden Züge hätten aus Sicht der auf Sicherung der eroberten Gebiete bedachten Kapitalisten viel eher zur Unterstützung und Versorgung der Front eingesetzt werden müssen. Das genau dies nicht geschah, sei ein Beleg für die von Kapitalinteressen relativ autonome Ausrichtung der NSDAP und zeige den Holocaust als einen Selbstläufer, der sich einer Einordnung in imperialistische Verwertungsüberlegungen entziehe. Abgesehen davon, dass hier der Versuch der Entlastung von Krupp, Thyssen, Deutscher Bank, IG Farben u.a. durchschimmert, ist einzuwenden, dass die Bahntransporte zu den Vernichtungslagern gerade 0,04 % des damaligen Gesamtbahnverkehrs ausmachten. Es kann also keine Rede davon sein, dass der Vollzug der Judenvernichtung ernsthaft zu Lasten der kämpfenden Wehrmachtseinheiten gegangen wäre.

Es wäre hier eher darüber nachzudenken, dass es in den führenden Kreisen der deutschen Wirtschaft, NSDAP und SS, aller vordergründigen Endsiegrhetorik zum Trotz, Überlegungen für die Zeit nach der zu erwartenden militärischen Niederlage gab. In der Schweiz fanden 1944 geheime Sondierungsgespräche deutscher Regierungsvertreter mit US-amerikanischen Abgesandten statt. Hitler versuchte hier die Möglichkeit eines transatlantischen Bündnisses, mit Stoßrichtung gegen die UdSSR, zu erkunden. Es zeichneten sich die Konturen eines, die Grenzen des Nationalstaates überschreitenden, Faschismus ab, wie er nach dem Zweiten Weltkrieg auch in gewissen neurechten Kreisen diskutiert wurde. Eine besondere Rolle kam hier der SS zu. Sie hatte in den deutsch besetzten Staaten Freiwilligendivisionen aus den dortigen Bevölkerungen rekrutiert und sich dabei propagandistisch auf die Idee eines, nicht nur Deutschland umfassenden, „europäischen Raumes“ gestützt, der nun auch gemeinsam von den Völkern des Westens gegen den östlichen Bolschewismus verteidigt werden müsse. Es entstand die Idee einer „Europäischen Union“ der ganz besonderen Art. Der Führung des Dritten Reiches war aber auch klar, dass es derartigen Pläne hinderlich sein dürfte, sollten nach Kriegsende in Europa noch so viele Juden leben, dass diese in der Lage wären, sich politisch wirksam zu formieren. Angesichts der Vorgeschichte wäre hier entschiedener Widerstand zu erwarten gewesen.

Sehr lehrreich sind die Ausführungen von Opitz zum Charakter antifaschistischer Bündnisse. Es wäre eine ultralinke, sektiererische Verengung, würde man dieses Spektrum auf antikapitalistische, revolutionäre Kräfte begrenzen. Opitz führt aus, dass im Gegensatz dazu jeder Kriegsgegner Ansprechpartner ist, da Faschismus expansiv und somit friedensgefährdend ist. Ebenso ist der Faschismus frauenfeindlich, da er die Frauen wahlweise zu kanonenfutterproduzierenden Gebär-Maschinen oder zu billigem Arbeitskräftereservoir erniedrigt. Nicht minder ist er jugendfeindlich, da er junge Menschen zu Befehlsempfängern macht, die vor der Obrigkeit in Kadavergehorsam erstarren und sich dafür, durch hemmungslose Brutalität, Schwächeren gegenüber schadlos halten. Auch Christen sind hier gefragt, stellt doch die Nazi-Ideologie einen Schlag ins Gesicht aller Menschen dar, die ihre Orientierung in Jesus Christus finden. Da der Faschismus die Interessen der Monopole bedient, können auch kleine Selbstständige in den antifaschistischen Kampf einbezogen werden. Letztlich geht es hier um den Zusammenschluss aller nicht-monopolistischen Schichten. Insoweit bleibt die Orientierung des VII Weltkongresses der Kommunistischen Internationale von 1935 aktuell, mit welcher die Abgrenzung gegenüber Sozialdemokraten und bürgerlichen Hitlergegnern aufgegeben wurde, zugunsten des „Volksfront“ genannten breiten Bündnisses aller antifaschistischen Kräfte. Eine andere Frage ist es natürlich, wie sich dieses breite Bündnis praktisch verwirklichen lässt. Hier muss untersucht werden, warum so viele Vertreter der oben genannten Gruppen trotz eines objektiven Interessengegensatzes zum Monopolkapital, die von den Faschisten angebotenen Scheinlösungen durchaus attraktiv finden. Woran liegt es z. B., wenn eine junge Frau aus keineswegs privilegierten Verhältnissen sich von dem Auftreten und den Aussagen einer faschistischen Organisation angesprochen fühlt, obwohl das dort propagierte Frauenbild eher ins vorletzte Jahrhundert zurückweist?

Erik Höhne

Literatur:

Reinhard Opitz, Faschismus und Neofaschismus, Pahl-Rugenstein, 1996

2 Henry Ashby Turner, Faschismus und Kapitalismus in Deutschland, 1972